21.09.2020 / Artikel / /

Pfister weibelt in Willisau für CVP-Neustart

 

„Seit ich 1983 zum ersten Mal wählen konnte, verlieren wir.“

Gerhard Pfister
Präsident CVP Schweiz

 

 

 

„Ich bin skeptisch gegenüber dem Namen <Die Mitte>“

Eliane Graber
Gemeinderätin Fischbach

 

 

 

„Die Luzerner sollten die nationale Sicht berücksichtigen.“

Alois Hodel
CVP 60+ Kanton Luzern

 

 

Der Parteipräsident leistet auf der Landschaft Überzeugungsarbeit. Er braucht Luzerner Stimmen für den neuen Namen «Die Mitte».
Dominik Weingartner (Luzerner Zeitung 19.09.2020)

 

Gerhard Pfister ist in heikler Mission unterwegs. Der Präsident der Schweizer CVP muss den Parteigängern in den Stammlanden die Abkehr vom «C» schmackhaft machen. «Die Mitte» soll die Partei künftig heissen, zumindest auf nationaler Ebene. Die Kantonalparteien haben bis 2025 Zeit zu entscheiden, ob sie diesen Weg mitgehen.

Doch zunächst muss Pfister die Parteimitglieder von seinem Vorhaben überzeugen. Denn sie entscheiden in einer Urabstimmung über den Namenswechsel und die damit verbundene Fusion mit der BDP. 80000 CVPler sind dazu aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Nächste Woche werden die Unterlagen verschickt. Von den 80000 Personen, die abstimmen dürfen, stammen rund 14000 aus dem Kanton Luzern.

Das verdeutlicht, welche Rolle der hiesigen Kantonalpartei zukommt.Es ist wohl kein Zufall, dass Pfister auf seiner Tour durch die Schweiz als ersten Termin die Delegiertenversammlung der CVP Wahlkreis Willisau ausgesucht hat. Mehr Stammlande geht fast nicht. Hier hat die CVP bei den Kantonsratswahlen 2019 über 40 Prozent der Stimmen geholt. Ein Wert, von dem die Partei bei eidgenössischen Wahlen nur träumen kann.

Trotzdem hat die CVP im Wahlkreis Willisau 2019 einen Sitz verloren und stellt noch sechs von insgesamt 16 Mandaten. Die abtretende Präsidentin der Wahlkreis-CVP, Marlis Roos Willi, sagt denn auch an diesem Donnerstagabend in ihrer Abschiedsrede: «Ich kenne das Gefühl, wenn man am Wahlsonntag nicht das erreicht hat, was man sich erhofft hatte.»

Pfister und die «Grafik des Grauens»

Später am Abend, als Gerhard Pfister ans Mikrofon tritt, wird hinter ihm eine Kurvengrafik gezeigt. Darauf zu sehen sind die Ergebnisse der CVP bei den Nationalratswahlen seit Ende der 1970er-Jahre. Die Kurve kennt nur eine Richtung: nach unten. Pfister bezeichnet sie als eine «Grafik des Grauens». Die CVP habe zwar nie viel auf einmal verloren, aber über 40 Jahre hinweg sei der Verlust beträchtlich. Pfister: «Seit ich 1983 zum ersten Mal wählen konnte, verlieren wir.» Dieser Niedergang habe «tiefere Ursachen», die man analysiert habe, so Pfister. Die Ergebnisse: 80 Prozent der CVP-Wähler haben Eltern, die bereits die CVP gewählt haben. «Das ist mit Abstand der wichtigste Grund, wieso jemand CVP wählt», sagt er. Das gelte auch für Wähler unter 40 Jahren. «Das reicht nicht», so Pfister, der von einem «Riesenproblem» spricht.

Pfister will die CVP von einer in den katholischen Gebieten verankerten Millieupartei zu einer breit wählbaren Volkspartei umbauen. Die Ambitionen nennt er offen: «Unser Ziel ist ein zweiter Bundesratssitz bis 2027.» Um das zu bewerkstelligen, muss die Partei dringend den Wähleranteil erhöhen. 2019 holte sie bei den Nationalratswahlen noch 11,4 Prozent. Und dies, obwohl die Analyse ergeben habe, dass die CVP nach der SVP die eigene Wählerschaft am besten mobilisiert habe, wie Pfister betont. «Die Zitrone ist ausgepresst.»

Die Analyse zeige weiter: Das Potenzial der CVP liege bei rund 20 Prozent. Das Problem sei aber das Image: «Eine Partei, bei der man katholisch sein muss und bei der das Religiöse sehr wichtig ist», so Pfister. «Wir müssen uns öffnen für Leute, für die Religion oder Konfession in der Politik nicht wichtig ist. Wir haben es nie geschafft, ausserhalb der katholischen Kantone erfolgreich zu sein.» Dies veranschaulicht der CVP-Präsident mit weiteren Zahlen: «94 Sitze im Nationalrat werden in Bern, Zürich, Waadt und Aargau bestimmt. Von diesen Sitzen hat die CVP drei.»

Skepsis und Zuversicht bei den Delegierten

Die Delegierten lauschen den Ausführungen des Parteipräsidenten ruhig, aber gespannt. In der Fragerunde meldet sich Alois Hodel als Erster zu Wort. Der ehemalige Gemeindepräsident von Egolzwil, der heute bei der Seniorenvereinigung CVP 60+ aktiv ist, sagt, er habe sich zunächst mit dem neuen Namen «sehr schwer getan». Er sei aber zum Schluss gekommen, dass die CVP «zur Gewinnerpartei» werden müsse. Hodel spricht sich darum dafür aus, dass die Luzerner CVP-Mitglieder «nicht nur die kantonale Sicht beurteilen, sondern auch die eidgenössische berücksichtigen.» Im Gespräch sagt er später, das «C» gehöre zwar zur Marke der Partei. «Aber mit dieser Marke kommen wir nicht weiter.» Hodel sagt aber auch: «Bei der CVP 60+ wird es Leute geben, die das ‹C› nicht loslassen wollen.»

Eliane Graber, Gemeinderätin aus Fischbach, spricht sich auf nationaler Ebene für die Umbenennung der Partei aus. «Auf kantonaler Ebene müssen wir noch darüber reden. Ich bin skeptisch gegenüber dem Namen ‹Die Mitte›.» In Fischbach werde der Wegfall des «C» anders diskutiert. «Ich bin damit aufgewachsen und auch so erzogen worden», sagt Graber, die darauf hinweist, dass sowohl die Bundesverfassung als auch die Verfassung des Kantons Luzern mit einem Gottesbezug eingeleitet werden. Dennoch sagt auch die 31-Jährige: «Es gibt viele Leute, die uns in Abstimmungen unterstützen, aber nicht Parteimitglieder werden wollen. Auch wegen des ‹C›, gerade in meiner Generation.»

Der Gemeindepräsident von Egolzwil, Pascal Muff, lobt den Auftritt von Gerhard Pfister. Er sei «positiv eingestellt. Wir müssen den Mut haben, jetzt vorwärts zu schauen». Marlis Roos, die acht Jahre lang die CVP Wahlkreis Willisau geführt hat, hadert hingegen. Für sie seien die christlichen Werte wichtig, sie sei damit aufgewachsen. Ihr Nachfolger, der Dagmerseller Kantonsrat Michael Kurmann, sagt noch im Plenum, dass es in seiner Ortspartei kritische Stimmen gegenüber der Fusion mit der BDP gebe. «Es wird gesagt das sei ein Widmer-Schlumpf-Wahlklub und die ehemalige SVP.» Er stehe dem Prozess positiv gegenüber, aber er berge Risiken, gerade im Kanton Luzern.

«Man muss sich einen Schupf geben»

Beim Apéro nach seinem Auftritt wirkt Gerhard Pfister aufgeräumt und diskussionsfreudig. «Die Leute sind offen und interessiert», sagt er. Ihm ist bewusst, dass er ausgerechnet jene von der Abkehr vom «C» überzeugen muss, die damit kein Problem haben, um dann jene als Wähler zu gewinnen, die vom christlichen Bezug im Parteinamen bisher noch abgeschreckt sind. Diese können nun aber nicht über den neuen Parteinamen abstimmen. «Wenn man im Kanton Luzern ein Leben lang in der CVP ist, gehört das zur Identität. Dann muss man sich einen Schupf geben, um etwas zu verändern», so Pfister.

Wenn Pfister die Festhalle Willisau verlässt, wird ihm plastisch vor Augen geführt, welche Bedeutung das «C» im ländlichen Luzern noch immer hat. Blickt er nach links, sieht er auf einem Hügel ein hell beleuchtetes Kreuz, das in den Willisauer Nachthimmel ragt.